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Ergebnisse  der Pressekonferenz „Talenten eine Chance – ohne traditionelle Rollenbilder“ EU-Projekt in Kooperation mit bfi Wien, Planconsult Holding GmbH und KMU Forschung Austria

Als Einstieg präsentierte Claudia Callegari vom  International Training Centre der ILO (International Labour Organisation) aus Turin das EU-Projekt “Break gender stereotypes, give talent a chance”:
Seit 2008 läuft eine Initiative der Europäischen Union für alle 27 EU-Mitgliedstaaten mit
dem Ziel, geschlechtsspezifische Klischees in Beruf und Betrieb zu überwinden. Talentmanagement  unabhängig davon, ob Mann oder Frau: dadurch soll der Leistungsoutput in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise gefördert werden. Mit der gesamteuropäischen Durchführung dieser Initiative wurde von der Generaldirektion der Europäischen Kommission das Internationale Trainingszentrum der ILO beauftragt, das wiederum das bfi Wien, die Wirtschaftsberatungsfirma PlanConsult GmbH sowie das Institut KMU Forschung Austria beauftragte, eine Workshop-Reihe zur Bewusstseinsbildung in Klein- und Mittelbetrieben zu veranstalten.
Zielgruppen sind: KMU Inhaber/innen und Manager/innen, Personalverantwortliche, Unternehmensberater/innen, Ausbilder/innen, Trainer/innen, Repräsentant/innen
von öffentlichen Institutionen und Interessensvertretungen. In diesen Workshops sollen die Vorteile des Personalmanagements ohne Geschlechterklischees verdeutlicht sowie Instrumente vorgestellt werden, wie diese umgesetzt werden können.

5 Statements und 2 Fallbeispiele /Best Practice

Mag. Sandra Konstatzky, Gleichbehandlungsanwaltschaft Wien, BM für Frauen/Öffentlicher Dienst:
„Die Gleichbehandlungsanwaltschaft
berät und unterstützt unter anderem Personen, die sich auf Grund des Geschlechts in der Arbeitswelt diskriminiert fühlen. Wir können z.B. Stellungnahmen von ArbeitgeberInnen einfordern, bzw. bei glaubhaftem Vorbringen einer Diskriminierung ein vertrauliches Verfahren vor der Gleichbehandlungskommission einleiten. 
Beim Thema gleicher Lohn für
gleiche und gleichwertige Arbeit zeigt sich oft, dass die Leistungen und Tätigkeiten von Frauen, selbst wenn sie dasselbe wie Männer machen, geringwertiger eingeschätzt werden. Beim Thema Berufsaufstieg sind Frauen oft mit der Situation konfrontiert, dass weniger qualifizierte Männer die Stellen bekommen. Es werden leider jene Personen dafür ausgewählt, deren Stil und Persönlichkeit einem selbst ähnlich erscheinen, d.h. dass Männer unbewusst eher an männliche Nachfolger denken, und Frauen oftmals trotz hervorragender Qualifikationen nicht wahrgenommen werden. Außerdem herrscht das Bild vor, dass Frauen eher in der zweiten Reihe stehen (wollen) oder lieber im Hintergrund die Fäden ziehen.
In der Gleichbehandlungsanwaltschaft müssen wir leider auch feststellen, dass es noch wenig Offenheit dafür gibt, Frauen nach eine Babypause wieder in ihre ursprüngliche oder in eine gleichwertige Position zurückzuversetzen, bzw. sie in Teilzeit für gleichwertige Tätigkeiten einzusetzen. Das trifft vor allem Frauen in höherwertigen Positionen.

Als Resümee möchte ich noch einmal auf den Titel der Veranstaltung zurückkommen: Break Gender Stereotypes, Give Talent a Chance…
Die Beispiele aus der Beratungserfahrung zum Thema Diskriminierung beim Entgelt, beim beruflichen Aufstieg und im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit lassen den Schluss zu,
dass Unternehmen gerade die Talente von Frauen und deren Leistungen nicht gehörig wahrnehmen und nutzen. Das stellt für die Frauen eine Diskriminierung dar, für die Unternehmen allerdings Fehler, die sich ebenfalls auf das wirtschaftliche Vorankommen auswirken. Stereotype sitzen in den Köpfen der Betroffenen genauso wie in den Köpfen der Verantwortlichen - und sie bewirken, dass die Talente nicht genutzt werden.“

Dr. Johannes Berchtold, BM für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz

„Im November 2008 hat die Männerpolitische Grundsatzabteilung des Sozialministeriums erstmals einen Österreich weiten Boys Day organisiert, welcher jetzt jährlich in Kooperation mit den österreichischen Männerberatungsstellen durchgeführt wird. Die zentrale Idee des Boys Days ist die Förderung eines breiteren, offeneren Burschen- bzw. Männerbildes, die Weiterentwicklung der Geschlechterrollenbilder und die Erweiterung des Berufswahlspektrums von männlichen Jugendlichen. Abseits von überholten Männlichkeitsklischees sollen sie sich auf Grundlage ihrer Interessen auch für männeruntypisch(e) (gewordene) Berufe entscheiden können. Männer sind insbesondere in der Grundschulerziehung und in den Pflegeberufen eine Minderheit geworden bzw. geblieben. Experten und Pädagogen plädieren für mehr männliche Erzieher, die Jungen als Bezugsperson bei der Entwicklung eines positiven Bildes von Männlichkeit begleiten sollen. Daher sollen gezielt Anreize gesetzt werden, um gut ausgebildete Männer mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion für die Pädagogik und die Arbeit mit Buben und männlichen Jugendlichen zu gewinnen.
Das Sozial- und Männerministerium hat sich entschieden, in den ersten Jahren der Umsetzung
des Boys Days die Thematik der Pflege und Erziehung in den Vordergrund zu stellen. Hier wird den Jugendlichen auch die Möglichkeit geboten, in entsprechenden Einrichtungen zu schnuppern und mit Vertreter/innen der Erziehungs- und Pflegeberufe über deren beruflichen Alltag zu sprechen. Vor- und nachbereitende Workshops mit den Jugendlichen (Männerberatungsstellen in den Ländern), runden diese Initiative ab. Es geht dabei auch um eine Sensibilisierung der Kinder, Jugendlichen, Eltern, Ausbildungseinrichtungen sowie der Öffentlichkeit.“


Dr. Martina Rosenmayr, Wirtschaftskammer Österreich

„Immer noch konzentrieren sich Mädchen auf wenige Berufe, obwohl technische und handwerkliche Berufe nicht mehr wie früher die körperliche Herausforderung darstellen. Mehr als die Hälfte der weiblichen Lehrlinge sind alleine in 3 Lehrberufen (von 260!) zu finden: Einzelhandelskauffrau, Friseurin und Bürokauffrau. Insb. in technischen Lehrberufen ist der Frauenanteil noch gering. Ein ähnlich einseitiges Bild zeigt ein Blick auf die Schul- und die Hochschulstatistik. Mädchen und Burschen für eine nicht traditionelle Berufswahl zu ermutigen ist wichtig. Nur mit dem notwendigen Wissen über alle Möglichkeiten für die Berufsentscheidung ist eine echte Wahlfreiheit gegeben.
Die Wirtschaftskammer Österreich leistet einen Beitrag zur Deckung des Informationsbedarfs. Die Zahl der Zugriffe auf den Berufsinformationscomputer der Wirtschaftskammer (bic.at) beweist, dass dieses Angebot, neben Vorträge in Schulen, Elternabende, Potenzialanalysen und Berufsschnuppertage, auch angenommen wird. Je früher und flächendeckender die Information einsetzt, desto effektiver ist sie.
 
Der Wirtschaft ist es jedenfalls ein Anliegen, auch Frauen über das bisher übliche Berufsspektrum hinaus für zukunftsträchtige Berufe zu gewinnen. Davon profitieren die Frauen und die Wirtschaft gleichermaßen. Für die Frauen entstehen erweiterte Berufs- und Arbeitsplatzperspektiven, und die Betriebe können Wissen und Qualifikationen der jungen Frauen nutzen. Viele Betriebe haben diese Notwendigkeit erkannt und eine Reihe von Maßnahmen gesetzt, u.a. folgende:
Teilnahme am Girls’- bzw. Boys’ Day, Kooperationen mit Schulen, Engagement in Branchenpräsentationen („lebende Werkstätten“) oder Mentoring-Programme etc.
Die alljährliche Verleihung des AmaZone-Awards (Verein Sprungbrett), der Betriebe mit atypischer Berufsausbildung für Mädchen auszeichnet, zeigt das Engagement unserer Wirtschaft. Die nächste Preisverleihung findet am 5.10.2009 statt, diese wird auch heuer wieder von der WK Wien unterstützt.“


Mag. Gerlinde Hauer, Arbeiterkammer Wien

„Mädchen und junge Frauen orientieren ihre Ausbildungs- und Berufsentscheidung oft stärker an traditionellen Rollenvorstellungen und weniger an tatsächlichen Neigungen und Fähigkeiten.
1. Zwei Gründe dafür möchte ich als wesentlich herausstreichen:
Fehlendes Wissen über
berufliche Möglichkeiten, über die Vielfalt der Berufe sowie mangelndes Bewusstsein über die eigenen Talente der Jugendlichen insgesamt, im Speziellen der jungen Mädchen und Frauen. Hier ist insbesondere die Schule gefordert z.B. durch die Aufwertung der Berufsorientierung an Schulen (Einführung eines Pflichtgegenstandes Berufsorientierung in der 7. und 8. Schulstufe, die die Geschlechterrollen reflektiert).
2. Fehlende Bereitschaft der Betriebe, Frauen im nicht-traditionellen Bereich Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten: Es braucht aktives Bemühen seitens der Betriebe, Mädchen
und Frauen ein attraktives Arbeitsumfeld anzubieten und auch direkt Aktivitäten in diese Richtung zu setzen (z.B. die Veranstaltung von „Tagen der offenen Tür“ speziell für Frauen im Betrieb, Teilnahme an Veranstaltungen wie z.B. dem „Girls Day“, Kooperationen mit Schulen, betriebsinterne Sensibilisierung im Zusammenhang mit der Beschäftigung von Frauen etc). Seit 2009 steht Betrieben für Aktivitäten zur Aufhebung der geschlechtsspezifischen Segregation von jungen Frauen und Männern am Lehrstellenmarkt auch eine spezielle Förderung des Bundes zur Verfügung (‚Gleichmäßiger Zugang von jungen Frauen und jungen Männern zu den verschiedenen Lehrberufen’).“

Mag. Iris Appiano-Kugler, Arbeitsmarktservice Wien

„Das AMS hat eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung traditioneller Rollenbilder. Das Spannungsverhältnis besteht darin, dass einerseits Unternehmen in ihrer Suche nach Arbeitskräften von geschlechterspezifischen Stereotypen geprägt sind; andererseits wissen viele KundInnen nicht, dass ihr Berufsspektrum zumeist wesentlich breiter ist, als sie es einschätzen. Dass dies keine Frage des Bildungsgrades ist, zeigt sich darin, dass technische Studien ebenso durch einen Frauenmangel gekennzeichnet sind, wie Geistes- und Sozialwissenschaften durch einen Männermangel.
Der Auftrag des AMS lautet hier, durch geeignete Programme wie ‚FIT/MIT Frauen in Handwerk und Technik’, Mädchen und Frauen eine Ausbildung in diesen Bereichen schmackhaft zu machen. Der Anteil der Frauen z.B. im Berufsausbildungszentrum des bfi Wien (gefördert vom AMS Wien) liegt mittlerweile  bei 13 %. Andererseits
leisten wir Überzeugungsarbeit bei Betrieben, dass diese nur gewinnen können, wenn sie auf Frauen setzen. Untersuchungen ergeben, dass Unternehmen, die  Frauen einstellen, die Umsätze und Renditen enorm steigern.
Auf Seiten der Männer wiederum fehlt ein positives Rollenvorbild, das vor allem jungen Männern
den Weg in soziale Branchen ebnet. Diese Bereiche sind finanziell nicht attraktiv, weil sie traditionelle Frauenbereiche darstellen. Hier müssten spezielle Anreize geschaffen werden und Männer im Sozialbereich ebenso gezielt angesprochen werden.“


2 KMU-Fallbeispiele  / Best Practice

Sonja Ruß, Gesellschafterin von Remaprint GmbH, veranschaulichte den vor 20 Jahren beginnenden Veränderungsprozess in einer männerdominierten Branche: von den Pin-up Girls an den Maschinen zum teamorientierten und wertschätzenden Arbeitsklima (7 Frauen, 17 Männer). Die Aktionen, Diskussionen mit den Druckern und die gezielten Förderungen von Mädchen/Frauen haben sich also gelohnt. Ruß engagiert sich für den Frauenstammtisch in der Branche, für Weiterbildung und beteiligt sich am Töchtertag. 

Brigitte Schauer, Geschäftsführerin von Atelier West Raumausstattungs GmbH, erzählte, wie sie als Inhaberin des Handwerksbetriebes (Tapezierer/Raumausstatter) schon bei der Gründung ihres Unternehmens „auf traditionelle Rollenbilder verzichtet und nicht nur wie üblich männlichen, sondern auch weiblichen Mitarbeitern eine Chance gegeben hat. Dabei hat sich erwiesen, dass Frauen für die Verarbeitung von Tapeten, Teppichen und Vorhängen großes Talent besitzen und diese Arbeiten genauso fachgerecht wie ihre männlichen Kollegen durchführen können, teilweise mit mehr Sorgfalt, Genauigkeit und Sinn für Ästhetik! Bei meinen Kunden und vor allem Kundinnen sind meine Mitarbeiterinnen wegen ihres professionellen und freundlichen Auftretens sehr beliebt. Ich versuche daher immer wieder, Frauen als Tapeziererinnen einzustellen bzw. auszubilden.“

Rückfragehinweis:
Mag. Gabriele Masuch
bfi Wien, Alfred-Dallinger-Platz 1, 1034 Wien
Tel.: +43 1 811 78-10385
E-Mail:
g.masuch@bfi-wien.or.at